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"Tango Danza" 

 

 

magazine
 "Tango Danza"

Nº 4, Oct, Nov & Dic 2007

Interview to G&G 

by Tanja Thimm

 

Gustavo Naveira & Giselle Anne

Tango in Perfektion

Als völlig synchrone Einheit gleiten sie scheinbar mühelos über das Parkett.

Jede Bewegung wirkt unangestrengt. Wer Giselle Anne und Gustavo Naveira auf der Bühne tanzen sieht bekommt eine Ahnung davon, was Perfektion im Tango bedeuten kann. Das argentinische Tanzpaar hatte sich eine Zeit lang im Ausland rar gemacht und war jetzt zu Gast beim Tangocamp in Düsseldorf. Tanja Thimm traf die beiden dort zum Gespräch.

Ihr gehört zu den besten Tanzpaaren, die derzeit den Tango repräsentieren. Wie lebt es sich mit diesem "Label"? Ist das manchmal stressig?

Gustavo: Ich persönlich halte mich nicht für einen Superstar. Es ist auch generell schwierig zu sagen, welches die besten Paare sind. Tango ist kein Sport, den man ganz genau messen kann. Tango ist etwas, das im Moment geschieht. Die Qualität des Tanzes besteht in der Harmonie, die ein Paar in diesem Moment erreicht. Wir sind anerkannte Lehrer und arbeiten aus einem starken persönlichen Interesse am Tango heraus und versuchen unsere Arbeit so gut wie möglich zu machen und haben eben dieses Niveau - das aber ohne Stress.

 

Man kann also für den Tango keine Qualitätsstandards definieren?

Giselle: Das ist schwierig. Es gibt keine Organisation wie beispielsweise im Ballett, die festlegt, was korrekt ist  und was nicht und die benennt, wie man tanzen muss und wie nicht. Jeder hat im Tango seine eigene Art zu tanzen.

Gustavo: Es gibt verschiedene Techniken und Vorstellungen davon, wie man Tangotechnik entwickelt. Solange es hier keine Einheitlichkeit gibt, ist es schwierig zu sagen: "Das ist falsch und das ist korrekt."

 

Wie im Flamenco gibt es im Tango Innovatoren und Traditionalisten. Ich habe den Eindruck, es ist im Tango auch ein wenig schwierig, wirklich radikal zu sein. Es gibt immer sofort eine starke Opposition.

Gustavo: Es gibt diese beiden Fraktionen in allen Niveaus und Stilrichtungen in allen Tänzen, nicht nur im Tango oder Flamenco. Einige mögen Wechsel und Änderungen nicht.

Beim Tango gibt es aber noch etwas Besonderes. Es gibt nicht nur Innovationen in Bezug auf das Alte. Was im Tango beute passiert ist eine große Entwicklung neuer Techniken, die in dieser Form bisher nicht existierte.

 

Hierzu zählen Entwicklungen wie Colgadas und Volcadas?

Gustavo: Ja, aber auch andere Sachen. Ein-zelne Bewegungen zu betrachten und dafür spezielle Bezeichnungen zu benutzen ist der Beginn einer Entwicklung, die vorher in dieser Form nicht existierte, die nicht Teil des Tango war.

 

Kann man für den Tango Innovationszentren benennen? Welches ist das bedeutendste? Buenos Aires? Montevideo? Paris? Berlin?

Gustavo: In Buenos Aires passiert das Gleiche wie überall auf der Welt. Ich sehe da nicht wirklich Unterschiede. In Buenos Aires gibt es Leute, die den Tango sehr gut noch aus der alten Zeit kennen. Der Tango hörte in den 70ern auf, existent zu sein und sich weiterzuentwickeln. Das liegt nun schon einige Zeit zurück. Er nimmt jetzt teil an einer Entwicklung, die in der ganzen Welt passiert. Er entwickelt sich an den unterschiedlichen Orten der Welt weiter. Hier kann

 man nicht sagen: "Das passiert in dieser oder jener Stadt am stärksten", denn so ist es nicht.

 

Gibt es denn bestimmte Köpfe dieser Entwicklung?

Gustavo: Alle Paare, die hier im Tangocamp auftreten, gehören beispielsweise dazu. Sie haben alle diese neue Haltung.

 

Worin besteht die genau?

Gustavo: Es besteht die Notwendigkeit, den Tanz genau zu verstehen. Der Tango war er eine Art Geheimnis. Und jetzt bemerken

wir, dass dieses Geheimnis aus vielen Dingen besteht, die wir nicht kennen. Daher müssen wir dies alles kennen lernen. Wir müssen genau verstehen, was passiert. Und diese Haltung ist sicher innovativ.

 

Welche Dinge sind das konkret?

Giselle: Die Technik zu beherrschen, dieMusik zu beherrschen.

Gustavo: Früher tanzten die Leute Tango und man nahm an, dass alles irgendwie natürlich passierte. Jemanden zu unterrichten, jemandem zu erklären, wie die Schrittfolgen der Frau sind und damit dann zu improvisieren, ist neu. Die Schrittfolge der Frau ist beispielsweise etwas, was man heute genau kennt. Heute ist man sich dessen genau bewusst. Und die Nutzung dieses Wissens erlaubt es, dass viele Menschen, die noch nie vorher getanzt haben, plötzlich tanzen können. Das ist ein grundlegendes Beispiel. Man hat diese Methode neu entdeckt. Früher wusste man nicht, wie das funktioniert und war sich dessen auch nicht bewusst. Heute wissen wir, was es ist und wie es funktioniert

 

Giselle, wie gehen Frauen heute an den Tango heran, wenn sie damit anfangen?

Giselle: Ich glaube, dass die Partizipation der Frauen im Paar heute eine andere ist. Früher waren die Verzierungen der Frauen durchaus eine Diskussion wert. Heute ist das klarer. Für mich hat die Frau ihre eigene Energie. So bekommt der Tanz dann eine ganz andere Flüssigkeit. Es führt natïrlich weiterhin der Mann und die Frau folgt, aber es bedarf einer Menge Energie der Frau, damit sie nicht nur von der Energie des Mannes geführt wird. Wenn sie das erreicht, kann man das im Tanz sehen. Die Rolle der Frau hat sich im Tanz gewandelt.

 

Und das verstehen junge Menschen?

Giselle: Ja, jetzt ja. Früher gab es nicht so viele junge Menschen, die Tango tanzen. Heute kann man in einem Jahr schon ein sehr hohes Niveau erreichen. Früher hat man dazu fünf bis sechs Jahre gebraucht. Man kann jetzt einige Dinge viel früher verstehen.

 

Ihr beide arbeitet auch als Choreographen. Wie entwickelt ihr eine Choreographie?

Gustavo: Zunächst ist ein gewisser Wunsch da, etwas zu machen. Die Impulse, die dir die Musik gibt, führen zu dem Wunsch, eine Choreographie zu machen. Dieser Wunsch generiert dann Bilder. Am Anfang ist alles sehr chaotisch. Es ist wichtig, die Musik mit großer Genauigkeit zu untersuchen und die Elemente der Musik zu verstehen. Dann kann man damit anfangen, ali die Bilder und Ideen in eine Reihenfolge zu bringen. Das ist es, was am meisten Zeit in Anspruch nimmt. Dann gibt es noch eine Phase des Feinschliffs, bis die Choreographie fertig ist. Wichtig sind dann auch die Akzentuierungen im Rahmen einer Choreographie. Dies hängt stark von dem Paar ab, das sie tanzt. Erst dann ist eine Choreographie fertig. Wir sprechen hier von drei bis vier Minuten Tanz.

 

Arbeitet ihr gemeinsam an den Choreographien?

Gustavo: Ja, klar. Der Tango kann nie das Ergebnis einer einzelnen Person sein. Im Tango geht es darum, mit jemand anderem Harmonie zu erreichen. Sonst funktioniert der Tanz nicht.

 

Eine Frage aus Neugier: Was ist eigentlich Neotango?

Gustavo: Ich habe nicht die leiseste Ahnung.

Giselle: Die Leute belegen etwas mit Namen, was irgendwie neu ist und was im Moment alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es gibt aber, glaube ich, nicht wirklich etwas Defl-niertes dazu.

Gustavo: Das sind alles Titel: Neotango, Tango Nuevo oder Tango liquido (lacht). Tango Nuevo verbinde ich mit Piazzolla - aber es gibt Leute die sagen, was wir machen sei Tango Nuevo. Ich weiß wirklich nicht, was Neotango sein soll.

 

Gibt es denn einen Einfluss seitens des Elektrotango auf den Tanz?

Giselle: Nein.

Gustavo: Ich glaube nicht. Der Tanz hat sich eigenständig entwickelt und zwar egal mit welcher Musik. Auch die Musiker erneuern die Musik, aber unabhängig vom Tanz. Das sind zwei ganz unterschiedliche Wege.

Giselle: Ja, es sind unterschiedliche Wege, die Tanz und Musik gehen, damit sie dann im Tango wieder zusammenkommen.

 

Neotango ist also nur ein Marketinglabel?

Gustavo: Ich möchte niemanden beleidigen, aber ich denke ja. Man sucht nach Namen, um etwas zu benennen.

 

Tango klingt in meinen Ohren oft altmodisch. Dennoch gibt es viele junge Leute, die sich zum Tango hingezogen fühlen. Was macht für diese jungen Leute die Faszination des Tango aus?

Gustavo: Sie werden vom Tanz selbst angezogen. Vom Paartanz. Dies ist für alle attrak-tiv, nicht nur für junge Leute. Die alte Tangomusik ist die beste Musik, die sich dafür eignet. Sie hat eine enorme Qualität in der Ausführung und der Interpretation. Wenn man zu dieser Musik tanzt, wird man sich der Qualitat erst bewusst. Andere Musik hat diese Qualität nicht.

Giselle: Wenn Menschen mit dem Tango beginnen, entdecken sie diesen Unterschied zu anderen Musikarten und lernen ihn zu

schätzen.

 

Wie wichtig ist die innere Haltung wenn man Tango lernen möchte?

Gustavo: Man muss Mut und Freude haben, sehr offen sein und wissen, dass der Tango auch immer eine Form einer sozialen Beziehung darstellt. Diese Situation ist notwen-digerweise eine konfliktive. Man muss sich bewusst sein, dass ein Konflikt immer präsent ist. Damit muss man umgehen können und auch Fehler verkraften können.

 

Wie bringt ihr das euren Schülern bei?

Gustavo: Wir versuchen, den Paaren alles aus dem Weg zu raumen, was ein Hindernis sein könnte. Wir klären die Beziehung im Tanz. Dennoch muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen.

 

Wie erreicht man ein solches Niveau, das ihr habt?

Gustavo: Die Chemie des Paares muss stimmen. Und es ist viel Arbeit. Ungeheuer viel Arbeit.

 

 

 

 

 

 

 


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Revisado: 2009-08-17 

 

 

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